Fiete hält den Spiegel* vor

Heute früh habe ich in Fietes Impfpass nachgesehen, wie alt er eigentlich jetzt ist, bzw. vermutlich sein kann, denn allzugroßes Vertrauen habe ich nicht in einen Pass eines rumänischen Hundes, dessen erster Eintrag just der Tag der Ausreise ist.

Fiete ist angeblich am 3.3.2009 geboren und damit jetzt 12,5 Jahre alt. Sein Fell wird grau, die Bewegungen steifer, er hat zusehens Mühe, aufzustehen und schläft viel.
Gleichzeitig springt er immer noch blitzschnell auf, rennt zur Tür und bellt die Welt an als würde er ihr kein Morgen gönnen. Fünf Jahre lebt er nun schon bei uns.

Wir haben nach wie vor kein „offenes Haus“, was bedeutet, dass Besuch gut geplant sein will, denn Fiete verbringt die Zeit dann mit einem Stück Rinderkopfhaut im Auto. Unsere Türglocke ist mit einem Schild „Bitte nicht klingeln“ überklebt, denn das spart halsbrecherische Stunts des eben noch im Tiefschlaf befindlichen Hundes die Treppe runter und gegen die Glasscheibe.

Wenn wir spazieren gehen, dann tun wir das immer noch sehr vorausschauend, denn andere Hunde sind immer noch einen Aufreger wert. Doch das ist über die Jahre tatsächlich besser geworden.

Fiete am Treppenabsatz, seinem Beobachtungsplatz

Er läuft inzwischen sogar oft ohne Maulkorb draußen, denn tatsächlich rastet er nicht mehr schlimmer aus als irgendein anderer Hund aus der Umgebung, der keine Gesellschaft will. Wir haben ihn an der Leine und die Theorie ist , dass ich ihn aus einer aufgeräumten und starken inneren Haltung heraus sicher durch die Welt führen kann. Klingt super.

Wir sind es ja insgesamt gewohnt, dass man bei einem „Fehlverhalten“ des Hundes allein auf den Hund guckt. Und dass man fortan an der Änderung seines Verhaltens arbeitet, damit er sich wieder einreiht in das Land der Unauffälligkeit. Dafür gibt es zahlreiche Methoden, Erziehungsstile, Hilfsmittel, Leckerchen, Bücher, Hundeschulen,…
Ich kam darauf, als ich mein Auto mal wieder aus Werkstatt holte: würde ich an der Ölwarnlampe herumdoktoren, damit sie endlich aufhört mit ihrem Alarm? Oder würde ich in die Tiefe gehen, an die Ursache der Störung und zum Beispiel Öl nachfüllen?
Was hat das mit Fiete zu tun? Oder mit mir?
Hunde fügen sich maximal in das soziale System ein, in dem sie sich befinden- ob sie es sich nun selbst ausgesucht haben oder ob sie dort hinein-ausgesucht wurden. Sie bringen ihre persönliche Geschichte mit dort hinein und verweben sie mit der, die sie dort vorfinden.

Es gibt Tage, das fühle ich mich selbst kaum in die Welt zu Hause, was sich unmittelbar auf Fiete auswirkt. Und wenn ich es selbst nicht wahrnehmen kann, dann reicht ein Blick auf Fiete, um zu sehen, wie es mir WIRKLICH geht. Das reicht über „zuviel Kaffee getrunken“ bis hin zu unterschwellig in Aufruhr, wenn auch oberflächlich ruhig. Er ist ein Röntgengerät für Stimmungen, ein Seismograph für Inneres, denn er gewinnt Stärke oder auch Schwäche unmittelbar selbst daraus.
Fiete vergewissert sich ständig neu, ob der Mensch an seiner Leine ihn sicher durch die Welt bringt oder er das selbst erledigen muss, obwohl er es nicht kann. Er prüft in jeder Sekunde die Qualität seiner menschlichen Führung, denn in seiner Wahrnehmung hängt sein Leben davon ab. Das tut tatsächlich jeder Hund, aber es gibt Unterschiede darin, wie der jeweilige Hund dann darauf reagiert und mit dem Ergebnis umgeht.
Fiete ist von sirrender Sensibilität- so wie auch jeder Hund- aber er reagiert unmittelbar im Außen darauf, was wiederum nicht jeder Hund so macht. Die meisten gehen einfach ihre Wege, zumeist geräuschlos und ohne besondere Auffälligkeiten.

Und da wären schon gleich bei einem weiteren interessanten Punkt: mein Blick auf die anderen, aber auch der Blick der anderen auf mich, bzw. uns.
Maja Nowak fragte mal eine Hundehalterin:“ Würde dieses Problem auch existieren, wenn du mit deinem Hund ganz allein auf der Welt wärst?“

Und diese antwortete darauf: „Nein, denn dann sieht es ja keiner und mich selbst stört es ja nicht einmal.“

Es ist also der Blick der anderen auf uns, die Missbilligung der anderen, die Scham darüber, „etwas nicht unter Kontrolle zu haben“, die sich hier Bahn bricht. Das erlebte und erlebe ich mit Fiete früher mehr, jetzt immerhin doch weniger.

Die Instanz in mir, die mit dem Blick der anderen ein Problem hat, ist ein alter Anteil, der viel Zeit damit verbringt, es allen recht zu machen, alles immer „richtig“ zu machen, nicht aufzufallen, ein braves Kind zu sein, das nicht wieder beschämt werden will.

Und ein ebenso alter Anteil versucht dann, die mißliche Situation „zu retten“, das Geschehen irgendwie zu bewältigen, aber mit einer Energie, die irgendwo zwischen Wut und Wegrennen wohnt und stets über jedes Ziel hinausschießt. Die ungerecht am Hund herumzerrt, laut wird, hektisch agiert, um dann „mit Sack und Pack“ aus der Szene zu stolpern.

Das fühlt sich für niemanden gut an. Für den Hund nicht, für mich nicht und für den unfreiwilligen Zeugen womöglich auch nicht. Kurze Zeit später ist der Ausbruch vorüber und dieser alte Anteil wieder in der Versenkung verschwunden. Ein anderer Teil übernimmt dann das Ruder, etwas, was erwachsener ist, tief Luft holt, sich bei dem Hund entschuldigt und über mich selbst den Kopf schüttelt. Dieser Teil fühlt sich eher gesund und ruhig an.

Ich habe insgesamt die Erfahrung gemacht, dass dieser gesetzte, ruhige, erwachsene Anteil ihm und mir gut tut. Bleibe ich selbst in dieser Energie, atme ich weiter und bleibe allein bei mir und Fiete, dann beruhigt es auch ihn, dann geht er nicht durch seinen ganzen Alptraumfilm, sondern kommt schnell wieder zurück in das Hier und Jetzt.
Ich weiß das und doch gibt es weiter Momente, in denen auch ich alte Filme abspulen lasse. So wie Fiete.

Wissen alleine ist hier nichts wert, denn was im Kopf ist, erreicht nicht das Gefühl. Und das Gefühl sagt, hier ist etwas berührt, was in Richtung Not oder gar Lebensgefahr geht. Auch wenn das objektiv nicht stimmt, schlägt es subjektiv durch.

Ich nehme mir dann für ein nächstes Mal vor, eine Ecke meines Seins in der Beobachtung zu halten, indem ich versuche, meine eigenen Anteile wahrzunehmen und nicht kopf- und gefühllos die Rolle rückwärts zu starten, sondern genau das tue, was ich auch von Fiete erwartet: im Hier und Jetzt aus der Kraft der Ruhe heraus zu handeln. Es ist das Üben eines veränderten Verhaltens und Wahrnehmung von gerade diesem Moment Welt auch für mich selbst, um aus dieser Ruhe heraus einen Schirm über uns spannen.

Die Beobachterin in mir hat dann alle Hände voll zu tun: Welcher Anteil von mir ist gerade vorne, wer handelt jetzt? Warum? Warum der andere nicht?

Ich bin keine Meisterin darin, aber immerhin doch eine Lernende.

Meine Aufgabe ist es insgesamt, Fiete durch diese Menschen-Welt zu helfen. Er ist ein traumatisierter Hund, der bei dem kleinsten Anlass explodieren kann. Angriff ist sein gelerntes Verhalten zur Traumabewältigung. Wenn das nicht hilft, kommt die Erstarrung, dann klinkt er sich aus und dissoziiert sichtbar (bei der Tierärztin zum Beispiel- bis sie ihn anfasst, … ). Und damit ist er Lehrer für mich durch Ähnlichkeit, mein Spiegel im Verhalten, denn ich sehe, dass ich es ähnlich handhabe und durch Fiete die Möglichkeit bekomme, das von einer anderen Warte aus genau zu untersuchen, anzufühlen und im besten Falle auch immer öfter aufzulösen.

Als Kriegsenkel der Boomergeneration gab es viele Gelegenheiten für mich, das eine oder andere Trauma mit ins Gepäck zu bekommen.
Hätte ich einen Hund, der mich einfach nur trägt, der es mir behaglich und bequem in meiner Komfortzone macht, wäre ich damit nicht auf diese Art konfrontiert worden.
Dieses Verständnis bedeutet nicht, dass nur ich allein in meiner Entwicklung zu Fietes SoSein beitrage, aber es bedeutet doch, dass auch ich meine Schritte zu gehen habe, damit ich für Fiete „der tragende Hund“ werden kann.
Es ist ein Prozess, den wir beide in jeweils unserem Tempo gehen.

*Auch wieder großer Dank gebührt Maike Maja Nowak, die grundsätzlich die Impulse für diese Betrachtungsweise in ihrem Onlineseminar „Der Hund als Spiegel“ gab.

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